Was netto übrig bleibt: Brandenburg und Lubuskie im Vergleich

Die Sozialabgaben sind auf beiden Seiten der Oder nahezu gleich. Wie viel auf dem Konto ankommt, entscheiden die Steuer, die Steuerklasse und der Ort, an dem man einkauft.

Stand: 12. Oktober 2026 Lesezeit: ca. 6 Min. Diesen Ratgeber auf Polnisch lesen →

Sozialabgaben: auf beiden Seiten fast gleich

In der Region hält sich die Vorstellung, dass die Abgaben in Deutschland viel niedriger sind. Nachgerechnet bestätigt sich das nicht.

Beschäftigte in Deutschland zahlen 2026 von ihrem Bruttolohn 9,3 % in die Rentenversicherung, 1,3 % in die Arbeitslosenversicherung, 7,3 % in die Krankenversicherung und 1,8 % in die Pflegeversicherung, dazu die Hälfte des Zusatzbeitrags ihrer Krankenkasse, im Durchschnitt rund 1,45 %. Zusammen sind das etwa 21,2 % – noch vor der Steuer.

Auf polnischer Seite betragen die ZUS-Beiträge der Beschäftigten 13,71 % des Bruttolohns (9,76 % Rentenversicherung, 1,5 % Erwerbsunfähigkeitsversicherung, 2,45 % Krankengeldversicherung). Der Krankenversicherungsbeitrag von 9 % wird von der um die ZUS-Beiträge verminderten Bemessungsgrundlage berechnet und entspricht damit rund 7,8 % des Bruttolohns. Zusammen etwa 21,5 %.

Der Unterschied liegt im Bereich von Rundungen. Was am Ende auf der Gehaltsabrechnung steht, hängt von der Höhe des Bruttolohns und von der Steuer ab, nicht von den Sozialabgaben.

Steuer: zwei völlig unterschiedliche Tarife

Der deutsche Grundfreibetrag liegt 2026 für Alleinstehende bei 12.348 Euro und damit deutlich über dem polnischen steuerfreien Betrag (kwota wolna) von 30.000 zł. Gleich danach beginnt jedoch eine steile Progression: 14 % ab 12.349 Euro, die zweite Progressionszone ab 17.800 Euro und 42 % ab 69.879 Euro. Bei Gehältern, wie sie in Brandenburg üblich sind, liegt der Grenzsteuersatz schnell über den polnischen 12 %.

Der polnische Tarif ist einfacher: 12 % bis 120.000 zł Bemessungsgrundlage, darüber 32 %. Den steuermindernden Betrag von 300 zł im Monat berücksichtigt der Arbeitgeber erst, wenn der Beschäftigte die Erklärung PIT-2 abgegeben hat; ohne sie kommt das Geld erst mit der Jahreserklärung zurück. Die pauschalen Werbungskosten (koszty uzyskania przychodu) betragen 250 zł im Monat, für Pendler aus einem anderen Ort 300 zł.

Die Steuerklasse bewirkt oft mehr als eine Gehaltserhöhung

Wer in Słubice wohnt und in Frankfurt (Oder) arbeitet, bekommt zunächst Steuerklasse I. Auf Antrag nach § 1 Abs. 3 EStG kann man in Deutschland wie ein unbeschränkt Steuerpflichtiger behandelt werden und – wenn die Voraussetzungen des § 1a EStG erfüllt sind – mit dem in Polen lebenden Ehegatten zusammen veranlagt werden und schon beim monatlichen Lohnsteuerabzug Steuerklasse III erhalten. Nötig ist dafür eine vom polnischen Finanzamt bestätigte Bescheinigung EU/EWR; die Formulare sind zweisprachig. Die Einkommensgrenzen und das ganze Verfahren beschreiben wir im Ratgeber Steuerklasse für Grenzgänger mit Wohnsitz in Polen.

Die Kehrseite: Wer diesen Antrag stellt, muss in Deutschland jedes Jahr eine Einkommensteuererklärung abgeben.

Was Sie mit Wohnsitz in Polen nicht zahlen

Kirchensteuer. Sie beträgt in Brandenburg 9 %, allerdings von der Lohn- bzw. Einkommensteuer und nicht vom Bruttolohn, und sie betrifft nur Personen mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthalt in Deutschland. Der Antrag nach § 1 Abs. 3 EStG ändert daran nichts. Wer diese 9 % abzieht, rechnet sich sein Netto zu niedrig; im Gehaltsrechner lässt sich die Kirchensteuer abwählen.

Auch der Solidaritätszuschlag fällt bei den in der Region üblichen Gehältern nicht an: Er beträgt 5,5 % der Einkommensteuer, wird 2026 aber erst erhoben, wenn die Jahressteuer 20.350 Euro übersteigt (Freigrenze).

Zwei Dinge, die Sie selbst beeinflussen

Die Krankenkasse. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag liegt 2026 bei 2,9 %, zwischen den einzelnen Kassen liegen aber mehr als ein Prozentpunkt. Beschäftigte zahlen die Hälfte, bei 3.000 Euro brutto kann die Wahl der Kasse also mehr als zehn Euro im Monat ausmachen. Die Beitragssätze aller Kassen veröffentlicht der GKV-Spitzenverband; ein Blick vor der Vertragsunterschrift lohnt sich.

Kinderlosigkeit. Kinderlose ab 23 Jahren zahlen in der Pflegeversicherung einen Zuschlag von 0,6 Prozentpunkten, den sie allein tragen; ihr Anteil steigt damit von 1,8 % auf 2,4 %. In Brandenburg wird der Beitrag regulär hälftig geteilt; eine Sonderregel gilt nur in Sachsen.

Ausgangspunkt: der Mindestlohn

Der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland beträgt seit dem 1. Januar 2026 13,90 Euro brutto pro Stunde und steigt im Januar 2027 auf 14,60 Euro. Der polnische Mindestlohn liegt 2026 bei 4.806 zł im Monat, der Mindeststundensatz für zivilrechtliche Verträge bei 31,40 zł.

Aussagekräftiger sind regionale Daten: In Brandenburg lag der durchschnittliche Bruttostundenverdienst bei 22,66 Euro (April 2025), das durchschnittliche Monatsgehalt in der polnischen Volkswirtschaft betrug 2025 8.903,56 zł. Gehaltsspannen aus Stellenangeboten auf beiden Seiten der Grenze finden Sie in der Gehaltstabelle; die Umrechnung von brutto in netto, auch in Złoty zum aktuellen NBP-Kurs, zeigt der Gehaltsrechner.

Was den Vorsprung auffrisst

Der Arbeitsweg. Seit 2026 beträgt die Entfernungspauschale 38 Cent pro Entfernungskilometer, ab dem ersten Kilometer. Das klingt gut, doch der Arbeitnehmer-Pauschbetrag von 1.230 Euro im Jahr wird ohnehin automatisch berücksichtigt, und die Steuer sinkt erst bei Werbungskosten darüber. Bei 20 Kilometern einfacher Strecke und 220 Arbeitstagen kommen rund 1.672 Euro im Jahr zusammen, der Betrag darüber wirkt also; auf dem Weg von Słubice ins Zentrum von Frankfurt (Oder) kommt man an diese Schwelle nicht einmal heran. Zudem ist es ein Abzug vom Einkommen und keine Kostenerstattung: Zurück fließt nur ein Teil des abgezogenen Betrags, je nach Steuersatz.

Sprit. Auf deutscher Seite tankt man meist teurer, weil die Energiesteuer höher ist und die CO2-Abgabe hinzukommt. Die Preise ändern sich von Woche zu Woche, deshalb verweisen wir statt auf Zahlen im Text auf die aktuelle Übersicht unter Spritpreise. Eine Alternative zum Auto ist der Bus der Linie 983 zwischen Słubice und Frankfurt (Oder); die Lage an den Grenzübergängen zeigt der Grenzpuls.

Lebenshaltungskosten. 2025 lag das Preisniveau der privaten Konsumausgaben in Polen bei 73 % des EU-Durchschnitts, in Deutschland bei 108,3 %. Das sind allerdings Landesdurchschnitte und keine Messung an unserer Grenze; die Preise in Frankfurt (Oder) und Słubice können davon abweichen. Die Richtung ist trotzdem klar: In Euro verdienen und in Polen einkaufen lohnt sich mehr, als in Euro zu verdienen und in Frankfurt zu wohnen. Mehr dazu im Ratgeber Wo ist es günstiger? Einkaufen und Tanken an der deutsch-polnischen Grenze.

Versicherung, Arbeitslosengeld, Leistungen für Kinder

Wer in Deutschland arbeitet, ist dort versichert, denn maßgeblich ist der Ort der Beschäftigung. Um sich in Polen behandeln zu lassen, brauchen Beschäftigte und ihre mitversicherten Angehörigen das Formular S1 der deutschen Krankenkasse, registriert beim polnischen NFZ.

Bei Vollarbeitslosigkeit gilt das Wohnortprinzip: Grenzgänger melden sich beim polnischen Arbeitsamt (urząd pracy), und die Höhe der Leistung richtet sich nach polnischem Recht – trotz jahrelang gezahlter deutscher Beiträge. Anders bei Kurzarbeit oder vorübergehendem Arbeitsausfall: Dann zahlt die deutsche Agentur für Arbeit.

Das Kindergeld beträgt seit Januar 2026 259 Euro im Monat pro Kind, lässt sich aber nicht voll mit dem polnischen Kindergeld 800+ kombinieren: Nach den EU-Koordinierungsregeln zahlt ein Land vorrangig, das andere nur den Unterschiedsbetrag.

Die polnische Steuererklärung (PIT)

Das deutsch-polnische Doppelbesteuerungsabkommen sieht die Freistellung mit Progressionsvorbehalt vor: Einkünfte aus Arbeit in Deutschland sind in Polen steuerfrei und wirken sich nur auf den Steuersatz für etwaige polnische Einkünfte aus. Wer im betreffenden Jahr ausschließlich deutsche Einkünfte hatte, muss in Polen keine Steuererklärung abgeben. Das Formular PIT-36 mit der Anlage PIT/ZG ist nötig, wenn es auch Einkünfte gab, die in Polen nach dem allgemeinen Tarif besteuert werden. Sinnvoll ist eine Erklärung auch für die gemeinsame Veranlagung mit dem Ehepartner oder für die polnische Steuerermäßigung für Kinder (ulga na dzieci).

Dieser Ratgeber erklärt die Zusammenhänge, er entscheidet keine Einzelfälle. Für die Steuerklasse ist das Betriebsstättenfinanzamt des Arbeitgebers zuständig, auf polnischer Seite das eigene Finanzamt. Stellenangebote von beiden Seiten der Grenze finden Sie unter Stellenangebote, Antworten auf häufige Fragen in unseren FAQ.

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Vorschriften und Beträge haben wir anhand der unten genannten amtlichen Quellen geprüft; im Einzelfall entscheidet die zuständige Behörde.

Quellen

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